Dr. Paul-Heinz Kramer

Medizinphysiker & Ganzheitlicher Gesundheitscoach

Funktionelle Medizin

Gesundheit verstehen, bevor Krankheit entsteht

 

Anfang dieses Monats habe ich meine Ausbildung zum Functional Medicine Practitioner abgeschlossen. Seitdem beschäftigt mich noch intensiver die Frage, welche Möglichkeiten uns die Funktionelle Medizin eröffnet – nicht nur bei bereits bestehenden Beschwerden, sondern gerade auch dann, wenn wir unsere Gesundheit möglichst lange erhalten möchten.

Vielleicht hörst du den Begriff „Funktionelle Medizin“ heute zum ersten Mal. Das wäre nicht ungewöhnlich, denn im deutschsprachigen Raum ist diese Betrachtungsweise noch wenig bekannt.

Dabei berührt sie eine Frage, die für uns alle wichtig ist:

Warum bleibt der eine Mensch trotz bestimmter Belastungen lange gesund, während ein anderer schon früh Beschwerden entwickelt – und was können wir selbst dazu beitragen, unsere Gesundheit zu stärken?

Eine weitere Perspektive auf das Phänomen Gesundheit

Gesundheit ist ein komplexes Geschehen. Sie lässt sich nicht allein durch einen Laborwert, ein Organ oder ein einzelnes Symptom erklären. Solange unser Körper gut reguliert und sich an wechselnde Anforderungen anpassen kann, nehmen wir seine vielen Leistungen meist gar nicht wahr.

Die Funktionelle Medizin ist für mich deshalb eine besonders hilfreiche Perspektive auf den Menschen und seine Gesundheit. Sie ersetzt weder die bewährte medizinische Diagnostik noch eine notwendige ärztliche Behandlung. Gerade bei akuten, schweren oder unklaren Beschwerden ist eine sorgfältige medizinische Abklärung unverzichtbar.

Die Funktionelle Medizin stellt jedoch weitergehende Fragen. Sie fragt nicht nur:

Welche Diagnose passt zu diesen Beschwerden?

Sie fragt außerdem:

Warum treten diese Beschwerden bei diesem Menschen gerade jetzt auf? Welche Entwicklungen könnten dazu beigetragen haben? Und welche Faktoren halten das Problem möglicherweise aufrecht?

Es geht darum, Symptome nicht nur einzeln zu betrachten, sondern Symptommuster, zeitliche Entwicklungen und mögliche Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge zu erkennen.

Leben gestalten – statt rund um die Uhr optimieren

Mein Leitsatz lautet:

Leben gestalten – Gesundheit erhalten.

Dabei ist mir besonders der Aspekt gestalten wichtig.

Auch ich möchte möglichst lange gesund, selbstständig und lebensfroh bleiben. Ich teile somit ein wichtiges Ziel der sogenannten Longevity-Bewegung: eine möglichst lange Gesundheitsspanne.

Der Weg dorthin sollte aus meiner Sicht jedoch nicht über einen permanenten Optimierungsdruck führen. Es kann nicht darum gehen, rund um die Uhr jedem neuen Gesundheitstrend hinterherzulaufen, ständig weitere Messwerte zu erheben und immer noch mehr Maßnahmen in den Alltag einzubauen.

Mir ist ein gelingendes Leben wichtiger als ein scheinbar vollkommen optimiertes Leben.

Ein gelingendes Leben bedeutet für mich, mit mir selbst und meinen Überzeugungen im Einklang zu leben, Sinn zu erfahren, Beziehungen zu pflegen und das Leben auch genießen zu können.

Gesundheitswissen stellt dafür eine Art Buffet bereit. Ich kann erkennen, welche Möglichkeiten es gibt – und dann bewusst auswählen:

  • Was ist für mich besonders wichtig?
  • Was passt zu meinem Leben?
  • Was kann und möchte ich verändern?
  • Und an welcher Stelle ist mir vielleicht ein gemeinsames Stück Kuchen wertvoller als der theoretisch gesundheitlich bessere Verzicht?

Gesundheit und Lebensfreude sind keine Gegensätze.

Die persönliche Geschichte zählt

Ein wichtiges Werkzeug der Funktionellen Medizin ist die sogenannte Timeline. Dabei wird die gesundheitliche Entwicklung eines Menschen von frühen Lebensphasen bis zur Gegenwart betrachtet.

Welche gesundheitlichen Voraussetzungen bestanden von Anfang an? Welche Erkrankungen, Belastungen oder besonderen Lebensereignisse gab es? Wann traten erste Beschwerden auf? Was ging ihnen voraus? Was hat die Situation verbessert – und was hat sie verschlechtert?

Bedeutsam können unter anderem sein:

  • frühere Erkrankungen und Infektionen,
  • anhaltende psychische oder berufliche Belastungen,
  • chronischer Schlafmangel,
  • Ernährungsgewohnheiten,
  • Bewegungsmangel oder körperliche Überforderung,
  • Medikamente und Umwelteinflüsse,
  • soziale Beziehungen,
  • einschneidende Lebensereignisse,
  • individuelle genetische Voraussetzungen.

Nicht jeder dieser Faktoren wird automatisch zur Ursache eines Problems. Die Betrachtung ihrer zeitlichen Abfolge kann jedoch helfen, plausible Ursache-Wirkungs-Hypothesen zu entwickeln.

Ein anschauliches Bild dafür ist das Fass der allostatischen Last. Unser Körper kann Belastungen ausgleichen und sich an Veränderungen anpassen. Bleibt die Gesamt-belastung jedoch über lange Zeit hoch, kann sich das Fass allmählich füllen. Der letzte Tropfen bringt es schließlich zum Überlaufen – aber er ist nicht unbedingt die einzige oder wichtigste Ursache.

Wir sollten deshalb nicht nur fragen:

Was war der letzte Tropfen?

Sondern auch:

Was hat das Fass über Monate oder Jahre gefüllt – und was könnte dazu beitragen, es wieder zu entlasten?

Gleiche Symptome – unterschiedliche Wege

Zwei Menschen können mit ähnlichen Beschwerden kommen und dennoch etwas Unterschiedliches benötigen.

Nehmen wir das Beispiel Müdigkeit. Bei einem Menschen könnten vor allem Schlafmangel, eine Störung der nächtlichen Atmung und Bewegungsmangel im Vordergrund stehen. Bei einem anderen spielen vielleicht ein Nährstoffmangel, starke Blutzuckerschwankungen oder eine anhaltende Stressbelastung die größere Rolle.

Der allgemeine Hinweis „Schlafen Sie mehr, ernähren Sie sich gesund und bewegen Sie sich“ wäre zwar nicht falsch. Er hilft aber wenig dabei zu entscheiden, wo dieser eine Mensch sinnvollerweise beginnen sollte.

Hier liegt eine Stärke der funktionell-medizinischen Betrachtung: Sie versucht zu erkennen, welche Hebel bei diesem Menschen wahrscheinlich die größte Wirkung haben.

Die grundlegenden Prinzipien eines gesunden Lebens gelten zwar weitgehend für uns alle. Ihre konkrete Ausgestaltung ist jedoch individuell. Jeder Mensch bringt andere genetische Voraussetzungen, eine andere Lebensgeschichte, andere Belastungen und andere Möglichkeiten mit.

Gute Personalisierung bedeutet dabei nicht, alles Mögliche zu untersuchen und sehr viele Maßnahmen gleichzeitig einzuleiten. Sie bedeutet:

      minimieren, was schadet –  maximieren, was nützt – und Reihenfolge priorisieren.

Also beispielsweise Belastungen verringern, stärkende Faktoren ausbauen und zunächst dort beginnen, wo mit vertretbarem Aufwand der größte Nutzen zu erwarten ist.

Gesundheit und Krankheit sind kein Entweder-oder

Gesundheit und Krankheit sollten nicht als ein „Schwarz-Weiß“-Schema betrachtet werden. Sie sind Pole eines großes Kontinuum.

Viele Menschen haben Beschwerden wie:

  • wiederkehrende Müdigkeit,
  • nachlassende Belastbarkeit,
  • Schlafprobleme,
  • Verdauungsbeschwerden,
  • Konzentrationsschwierigkeiten,
  • geringere Stresstoleranz,
  • Verlust von Kraft und Regenerationsfähigkeit.

Solche Beschwerden führen oft nicht zu einer medizinischen Diagnose, sondern werden als Befindlichkeitsstörungen eingestuft. Und häufig hören Betroffene „das sei altersgerecht“, oder dass „ist normal“.

Im funktionell-medizinischen Modell können solche Veränderungen Hinweise darauf sein, dass bestimmte Regulationsprozesse nicht mehr optimal zusammenspielen. Dabei wird häufig von funktionellen Ungleichgewichten gesprochen.

Das bedeutet nicht automatisch, dass eine Krankheit vorliegt. Es kann aber ein Anlass sein, genauer hinzuschauen:

Was hat sich verändert? Welche Zusammenhänge sind plausibel? Und welche beeinflussbaren Faktoren könnten helfen, das Gleichgewicht wieder zu verbessern?

Gerade für die Prävention ist diese Perspektive wertvoll. Wir sollten nicht erst dann über Gesundheit nachdenken, wenn bereits eine Erkrankung diagnostiziert wurde.

Unser Lebensstil ist das Fundament

Der wichtigste Teil funktionell-medizinischer Prävention besteht nicht aus umfangreichen Laboruntersuchungen oder aus einer langen Liste von empfohlenen Präparaten.

Das Fundament bilden die veränderbaren Bereiche unseres Lebens:

  • Ernährung,
  • Bewegung,
  • Schlaf und Regeneration,
  • Umgang mit Stress,
  • soziale Beziehungen,
  • der Umgang mit belastenden Gewohnheiten und Umwelteinflüssen.

Diese Faktoren wirken nicht unabhängig voneinander. Wer schlecht schläft, bewegt sich häufig weniger, reagiert empfindlicher auf Stress und trifft möglicherweise ungünstigere Ernährungsentscheidungen. Regelmäßige Bewegung kann wiederum Schlaf, Stimmung, Stoffwechsel und Belastbarkeit verbessern. Gute soziale Beziehungen können Stress abpuffern und helfen, Veränderungen langfristig durchzuhalten.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur:

Was wäre theoretisch besonders gesund?

Mindestens ebenso wichtig ist:

Was passt zu diesem Menschen, zu seinem Alltag, seinen Möglichkeiten und seinen persönlichen Zielen?

Eine Ernährungsweise kann auf dem Papier hervorragend aussehen und trotzdem ungeeignet sein, wenn sie nicht vertragen wird, sozial kaum lebbar ist oder so viele Regeln enthält, dass sie nach kurzer Zeit aufgegeben wird.

Für mich gilt deshalb:

Die beste Lebensstilintervention ist nicht die theoretisch vollkommene, sondern die wirksamste Veränderung, die ein Mensch dauerhaft in sein Leben integrieren kann.

Eine Lösung, die überwiegend umgesetzt und über Jahre beibehalten wird, ist wertvoller als ein perfekter Plan, der nach wenigen Wochen scheitert.

Welche Rolle spielen Untersuchungen und Tests?

Tests sind in der Funktionellen Medizin sehr hilfreich, wenn sie gezielt eingesetzt werden.

Sie unterstützen dabei,

  • eine aus Beschwerden und Vorgeschichte entstandene Hypothese zu prüfen,
  • einen tatsächlichen Mangel zu erkennen,
  • funktionelle Ungleichgewichte oder Risiken sichtbar zu machen,
  • verschiedene mögliche Ursachen voneinander abzugrenzen,
  • den Erfolg einer Intervention zu beobachten.

Vor jeder Untersuchung sollten wir uns fragen:

Welche konkrete Frage soll der Test beantworten? Würde sein Ergebnis die weitere Vorgehensweise tatsächlich verändern? Und lässt sich daraus eine sinnvolle, sichere und überprüfbare Maßnahme ableiten?

Ein Messwert allein beweist selten eine vollständige Ursache-Wirkungs-Kette. Er ist Teil des Gesamtbildes.

Ein sinnvoller Prozess könnte deshalb so aussehen:

Vorgeschichte und Symptome verstehen → Hypothese entwickeln → gezielt messen → passende Maßnahmen auswählen → Wirkung beobachten → Vorgehen ggf. anpassen

Damit wird Gesundheit zu einem gemeinsamen Lernprozess und nicht zu einer bloßen Sammlung von Laborwerten.

Und was ist mit Nahrungsergänzungsmitteln?

Die Funktionelle Medizin wird gelegentlich auf Labortests und die anschließende Empfehlung zahlreicher Nahrungsergänzungsmittel reduziert. Das entspricht nicht dem Verständnis, das ich für sinnvoll halte.

Nahrungsergänzungsmittel sind nützlich, beispielsweise:

  • bei einem nachgewiesenen Mangel,
  • bei einem erhöhten Bedarf,
  • bei eingeschränkter Aufnahme,
  • oder als zeitweilige Unterstützung während einer Umstellungsphase.

Sie können dann wie eine Brücke wirken: Sie helfen vorübergehend, eine Versorgungslücke zu schließen, während gleichzeitig an den Bedingungen gearbeitet wird, die zur Entstehung dieser Lücke beigetragen haben.

Sie ersetzen jedoch weder guten Schlaf noch Bewegung, eine verträgliche und nährstoffreiche Ernährung, Erholung oder soziale Verbundenheit.

Kein Präparat kann dauerhaft kompensieren, dass ein Mensch chronisch zu wenig schläft, sich kaum bewegt, ständig unter Druck steht oder regelmäßig mehr Alkohol konsumiert, als ihm guttut.

Die erste Frage sollte deshalb nicht lauten:

Welches Mittel kann ich zusätzlich einnehmen?

Sondern:

Was fehlt möglicherweise – und was belastet meinen Organismus unnötig?

Manchmal ist Ergänzen sinnvoll. Manchmal ist Weglassen der wichtigere Schritt.

Was bedeutet das für meine Arbeit?

Als ganzheitlicher Gesundheitscoach geht es mir nicht darum, kranke Menschen zu therapieren. Diagnose und Behandlung von Erkrankungen gehören in die Hände von entsprechend qualifizierten Ärzten oder Heilpraktikern.

Mein Arbeitsfeld liegt insbesondere dort, wo Menschen ihre Gesundheit erhalten und ihren persönlichen Gestaltungsspielraum besser nutzen möchten.

Dabei beziehe ich nicht nur den Körper im engeren Sinne ein. Zu einer ganzheitlichen Betrachtung gehören auch:

  • Denken und innere Überzeugungen,
  • Gefühle und psychische Belastungen,
  • Beziehungen und das soziale Umfeld,
  • Sinn, Freude und persönliche Lebensziele.

Der Klient ist dabei nicht der passive Empfänger einer Maßnahme. Er ist ein aktiver Partner. Ich kann Wissen, Orientierung, Rückmeldung und Unterstützung anbieten. Die eigentliche Veränderung findet jedoch im Alltag des Menschen statt.

Nicht alles, was unsere Gesundheit beeinflusst, liegt in unserer Hand. Aber es gibt meist einige Bereiche, in denen unser eigenes Handeln einen bedeutsamen Unterschied machen kann.

Die Funktionelle Medizin hilft dabei, aus der Vielzahl von Gesundheitsempfehlungen diejenigen herauszufinden, die für den einzelnen Menschen relevant sind und umsetzbar erscheinen.

Kein Wundermittel – sondern eine Einladung zum Gestalten

Die Funktionelle Medizin ist kein Versprechen, jede Erkrankung verhindern oder rückgängig machen zu können. Sie ermöglicht auch keine vollständige Kontrolle über Gesundheit.

Ich sehe sie nicht als Konkurrenz zur konventionellen Medizin. Ich sehe sie als eine hilfreiche zusätzliche Perspektive:

  • den Menschen nicht auf ein Symptom zu reduzieren,
  • seine Geschichte ernst zu nehmen,
  • Zusammenhänge zu untersuchen,
  • Hypothesen überprüfbar zu machen,
  • persönliche Prioritäten zu setzen,
  • und Gesundheit dort zu gestalten, wo sie täglich entsteht – im wirklichen Leben.

Mein Impuls für diesen Monat

Vielleicht möchtest du dir einmal folgende Fragen stellen:

Was füllt zurzeit mein persönliches Fass?

Was könnte mir dabei helfen, Belastungen wieder abzubauen?

Welche Veränderung würde für meine Gesundheit wahrscheinlich den größten Nutzen bringen?

Was davon möchte und kann ich in mein Leben integrieren?

Und schließlich:

Wie müssten die ersten Schritte aussehen, damit ich beginne, und wie klein müssten sie beschaffen sein, damit ich beständig Richtung Gesundheit weitergehe?

Gesundheit entsteht selten durch eine einzelne große Entscheidung. Häufig wächst sie aus vielen kleinen, wiederholten Entscheidungen, die mit der Zeit zu einem Teil unseres Lebens werden.

Dabei geht es nicht darum, ein vollkommenes, optimiertes Leben zu führen.

Es geht darum, das eigene Leben so zu gestalten, dass Gesundheit, Sinn, Genuss und Lebensfreude möglichst lange ein Teil davon bleiben.


Leben gestalten – Gesundheit erhalten

Prinzip der Funktionellen Medizin
Weitere Beiträge:
Bild von Dr. Paul-Heinz Kramer

Dr. Paul-Heinz Kramer

Leben gestalten - Gesundheit erhalten