Über die subjektive Perspektive auf Gesundheit
Was macht einen gesunden Menschen aus?
Die Medizin kann heute sehr vieles erfassen: Blutwerte bestimmen, Organe abbilden, körperliche Funktionen messen und Erkrankungsrisiken abschätzen. Auch psychische Belastungen und soziale Lebensbedingungen werden zunehmend berücksichtigt.
All das ist wichtig. Eine gute Gesundheitsversorgung braucht verlässliche Diagnosen, wissenschaftliche Erkenntnisse und wirksame Behandlungen. Und dennoch bleibt eine Seite der Gesundheit, die sich nicht vollständig von außen beurteilen lässt:
Wie erlebt der Mensch selbst seinen Körper, seine Erkrankung und sein Leben?
- Fühlt er sich kraftvoll oder erschöpft?
- Erlebt er sich als handlungsfähig oder ausgeliefert?
- Fühlt er sich mit anderen Menschen verbunden?
- Hat er Vertrauen in seinen Körper und in seine Zukunft?
- Und gibt es etwas, wofür es sich für ihn lohnt, morgens aufzustehen?
Diese Fragen führen zur subjektiven Perspektive auf Gesundheit – zur persönlichen Innenseite des Gesundheitserlebens. Schon die österreichische Schriftstellerin Marie von Ebner-Eschenbach (1830 – 1916) hatte erkannt, wie bedeutsam unser subjektives Erleben für uns sein kann:
„Nicht was wir erleben, sondern wie wir empfinden was wir erleben, macht unser Schicksal aus.“
Medizinischer Befund und persönliches Gesundheitserleben können übereinstimmen. Sie müssen es aber nicht.
Ein Mensch kann objektiv erkrankt sein und sich dennoch in wichtigen Bereichen seines Lebens gesund, lebendig und handlungsfähig erleben. Ein anderer leidet vielleicht unter Erschöpfung, Schmerzen oder einem tiefen Unwohlsein, obwohl die bisherigen Untersuchungen keine ausreichende Erklärung ergeben haben.
Der Philosoph Hans-Georg Gadamer (1900 – 2002) sprach von der „Verborgenheit der Gesundheit“. Krankheit drängt sich in den Vordergrund. Sie schmerzt, behindert und beansprucht unsere Aufmerksamkeit. Gesundheit dagegen bleibt oft unbemerkt. Sie zeigt sich darin, dass wir unseren Aufgaben nachgehen, Beziehungen leben und Pläne entwickeln können, ohne ständig über unseren Körper oder unsere seelische Verfassung nachdenken zu müssen. Gesundheit zeigt sich auch darin, wie ein Mensch sein Leben wahrnehmen und gestalten kann.
Subjektiv bedeutet nicht unwissenschaftlich
Schmerz, Erschöpfung, Lebensqualität, Hoffnung oder Sinn lassen sich nicht mit der gleichen Genauigkeit wie Blutdruck oder Blutzucker von außen messen. Sie können aber beschrieben, mit wissenschaftlich geprüften Fragebögen erfasst und im Verlauf beobachtet werden. Besonders interessant ist die sehr einfache Frage:
„Wie würdest Du deinen Gesundheitszustand insgesamt beurteilen?“
Langzeitstudien zeigen, dass die Antwort Informationen enthält, die durch Diagnosen und einzelne Messwerte nicht vollständig erfasst werden. Menschen scheinen in ihr persönliches Gesamturteil viele feine Wahrnehmungen einzubeziehen: Beschwerden, Belastbarkeit, Energie, seelisches Befinden und die Einschätzung ihrer eigenen Zukunft.
Die subjektiv empfundene Gesundheit kann deshalb als eine Art innere Gesamtschau verstanden werden.
Die Innenseite des bio-psycho-sozialen Modells
Das bio-psycho-soziale Modell beschreibt drei wichtige Bereiche der Gesundheit:
- die biologische Dimension,
- die psychische Dimension,
- die soziale Dimension.
Das subjektive Erleben steht nicht einfach als vierter Bereich daneben. Es ist vielmehr die Binnenperspektive, aus der ein Mensch alle drei Bereiche erlebt.
Die Zahl sozialer Kontakte beispielsweise lässt sich feststellen; ob sich aber jemand wirklich verbunden, geborgen oder einsam fühlt, kann nur der Betroffene selbst sagen.
Ein Laborwert lässt sich messen. Was eine Erkrankung für das eigene Leben, die Zukunft oder das Vertrauen in den Körper bedeutet, erschließt sich erst im persönlichen Gespräch.
Man könnte auch von einer existenziellen oder sinnbezogenen Dimension sprechen. Sie betrifft Fragen wie:
- Was trägt mich?
- Wozu gehöre ich?
- Was ist mir wirklich wichtig?
- Was möchte ich weitergeben?
- Worauf richte ich mich in der Zukunft aus?
Für manche Menschen liegt die Antwort in Familie oder Freundschaft, für andere in Natur, Heimat, einer Aufgabe, Kreativität, Gemeinschaft, Religion oder Spiritualität.
Verbundenheit als Ressource
Menschen können sich auf unterschiedliche Weise verbunden fühlen:
mit sich selbst und dem eigenen Körper,
mit Partnern, Familie, Freunden und Wegbegleitern,
mit früheren und kommenden Generationen,
mit Heimat, Kultur, Natur und Landschaft,
mit einer Aufgabe oder einem Werk,
mit etwas Größerem oder Spirituellem.
Begriffe wie Naturverbundenheit, Heimatverbundenheit, Zugehörigkeit, Verwurzelung, Beheimatung oder Weltverbundenheit beschreiben unterschiedliche Seiten dieses Erlebens.
Dabei geht es nicht darum, dass jeder Mensch auf allen Ebenen möglichst stark verbunden sein müsste. Distanz und Abgrenzung können notwendig und gesund sein – etwa gegenüber belastenden Beziehungen. Die entscheidende Frage lautet:
„Welche Art von Verbundenheit trägt mich – und was könnte mich weiter stärken?“
Vielleicht fehlt nicht die Zahl sozialer Kontakte, sondern ein Mensch, bei dem man sich wirklich gesehen fühlt.
Vielleicht fehlt nicht Aktivität, sondern eine Aufgabe, die als bedeutsam erlebt wird.
Vielleicht fehlt nicht Disziplin, sondern Zukunftsaussichten, für die es sich lohnt, Kraft zu investieren.
Trotzdem Ja zum Leben sagen
Viktor Frankl (1905 – 1997) stellte die Bedeutung von Sinn und Zukunftsorientierung in den Mittelpunkt seiner Logotherapie. Seine Beobachtungen waren zunächst persönliche und klinische Erfahrungen, keine kontrollierten wissenschaftlichen Studien.
Spätere Forschungen zeigen jedoch: Menschen, die ihr Leben stärker als sinnvoll und zielgerichtet erleben, weisen im Durchschnitt eine bessere psychische Gesundheit auf. In Langzeitstudien war ein ausgeprägteres Sinnempfinden zudem mit einer geringeren späteren Sterblichkeit verbunden.
Das beweist nicht, dass Sinn allein das Leben verlängert. Gesundheit, soziale Beziehungen, Depression und Lebensweise können diesen Zusammenhang ebenfalls beeinflussen. Es zeigt aber, dass Frankls Grundgedanke wissenschaftlich ernst zu nehmen ist.
Auch der klinische Psychologe Lawrence LeShan (1920 – 2020) verwendete im Zusammenhang mit Krebserkrankungen das Bild, einen Anker in die Zukunft zu werfen.
Was wartet dort auf mich?
Ein Mensch, den ich begleiten möchte?
Ein Ort, den ich noch einmal sehen möchte?
Eine Aufgabe, die mir wichtig ist?
Etwas, das ich erschaffen oder weitergeben möchte?
Ein solcher Anker ist keine Garantie für Heilung und ersetzt auch keine medizinische Behandlung. Er kann aber Orientierung geben und dabei helfen, sich nicht ausschließlich als Träger einer Erkrankung zu erleben, sondern weiterhin als Mensch mit Beziehungen, Werten und Zukunft.
Was sinnzentrierte Begleitung leisten kann
In der modernen Psychoonkologie gibt es Therapieverfahren, die Menschen dabei unterstützen, persönliche Sinnquellen zu erkennen, Werte zu klären und trotz einer schweren Erkrankung Handlungsmöglichkeiten zu entdecken.
Studien zeigen, dass solche Interventionen unter anderem
- das Sinnerleben und die Lebensqualität verbessern,
- existenzielle Belastungen lindern,
- Hoffnung und Selbstwirksamkeit stärken
- und depressive Beschwerden vermindern können.
Eine zuverlässige Heilung der körperlichen Erkrankung oder Lebensverlängerung durch Sinnarbeit allein ist dagegen wissenschaftlich nicht nachgewiesen.
Das schmälert aber den Wert dieser Unterstützung nicht. Eine Begleitung muss keinen Tumor verkleinern, um hilfreich zu sein. Wenn sie Angst vermindert, Orientierung gibt, Beziehungen stärkt oder dazu beiträgt, die eigene Lebenszeit bewusster zu gestalten, ist bereits viel erreicht.
Zudem können psychische Stabilität und Zukunftsorientierung indirekt auch gesundheitsförderliches Verhalten unterstützen: Bewegung, Schlaf, Ernährung, Therapietreue und die Bereitschaft, Beschwerden frühzeitig anzusprechen.
Verantwortung statt Schuld
Sobald Lebensstil, psychische Belastungen oder existenzielle Fragen im Zusammenhang mit Erkrankungen angesprochen werden, entsteht leicht die Sorge:
„Habe ich meine Krankheit selbst verursacht?“
Diese Schlussfolgerung wäre weder wissenschaftlich angemessen noch menschlich hilfreich. Krankheiten entstehen meist durch das Zusammenspiel vieler Faktoren: genetische Voraussetzungen, Alterungsprozesse, Umwelt, Infektionen, Lebensbedingungen, Verhalten, Zufall und weitere, teilweise noch unbekannte Einflüsse. Selbst bei einem bekannten Risikofaktor lässt sich im Einzelfall meist nicht sagen, weshalb gerade dieser Mensch zu diesem Zeitpunkt erkrankt ist. Niemandem sollte deshalb vorgeworfen werden:
„Hättest Du anders gelebt, wärst Du nicht krank geworden.“
Es wäre aber auch falsch, beeinflussbare Faktoren überhaupt nicht anzusprechen. Denn in ihnen können Chancen für die Zukunft liegen. Die entscheidende Frage lautet:
„Was könnte mir in meiner Situation Halt, Kraft, Verbundenheit und Orientierung geben?“
Der Medizinanthropologe Arthur Kleinman schlug vor, Patienten nicht nur nach Symptomen zu fragen, sondern auch danach, wie sie ihre Erkrankung selbst verstehen.
Menschen entwickeln eigene Vorstellungen darüber,
- wodurch ihre Beschwerden entstanden sein könnten,
- warum sie gerade jetzt aufgetreten sind,
- wie die Erkrankung wahrscheinlich verlaufen wird,
- was sie am meisten beunruhigt
- und welche Behandlung ihnen sinnvoll erscheint.
Diese Vorstellungen müssen medizinisch nicht vollständig zutreffen. Sie beeinflussen aber, wie ein Mensch mit seiner Erkrankung umgeht, welche Behandlung er akzeptiert und welche Unterstützung er benötigt. Der Patient ist zwar nicht automatisch der beste Diagnostiker seiner Erkrankung; aber er ist der einzige unmittelbare Experte für sein eigenes Erleben.
Einige Fragen zur persönlichen Reflexion
Vielleicht möchtest du dir einen Augenblick Zeit nehmen:
- Wie erlebe ich meinen gegenwärtigen Gesundheitszustand?
- Was belastet oder beunruhigt mich daran am meisten?
- Was oder wer gibt mir Kraft und Halt?
- Mit welchen Menschen oder Lebensbereichen fühle ich mich innig verbunden?
- Wo fehlt mir etwas, das mich stärken könnte?
- Wofür möchte ich gesund werden oder Kraft gewinnen?
- Welche Aufgabe, Begegnung oder Erfahrung zieht mich in die Zukunft?
Auf diese Fragen gibt es keine richtigen oder falschen Antworten. Manchmal besteht der erste Schritt nur darin, wahrzunehmen, dass eine Frage etwas in uns berührt.
Außen- und Innensicht gehören zusammen
Die subjektive Perspektive ist kein Gegenentwurf zur wissenschaftlichen Medizin. Sie ersetzt weder Diagnostik noch Behandlung. Sie erweitert den Blick.
Eine ganzheitliche Gesundheitsbegleitung fragt deshalb beides:
„Was lässt sich feststellen, messen und behandeln?“
Und:
„Wie erlebt der Mensch seine Situation, was trägt ihn und was könnte ihn stärken?“
Die subjektive Perspektive entscheidet nicht allein darüber, ob ein Mensch erkrankt oder wieder gesund wird. Sie kann aber Ressourcen sichtbar machen, die Gesundheit unterstützen und neue Handlungsmöglichkeiten eröffnen.
Der Neurowissenschaftler Tobias Esch hat im Rahmen seiner Glücksforschung festgestellt, dass Menschen ab dem 60. Lebensjahr mehr Zufriedenheit in dem finden, was ist und was sie haben.
So fällt es uns zunehmend leichter im eigenen Leben zuhause zu sein.
Zum Weiterlesen
Hans-Georg Gadamer: Über die Verborgenheit der Gesundheit
Viktor E. Frankl: … trotzdem Ja zum Leben sagen
Lawrence LeShan: Diagnose Krebs – Wendepunkt und Neubeginn
Arthur Kleinman: Arbeiten zu den persönlichen Erklärungsmodellen von Krankheit
Tobias Esch: Wofür stehen Sie morgens auf?
